Fragen - Jesus

Evangelium, freier Wille und Auserwählung.

Gnade oder Auserwählung

Evangelium, freier Wille und Auserwählung – ein persönlicher Gedankengang

Ein großer Teil des Christentums ist das Evangelium. Es geht darum, den Menschen zu überzeugen und ihn „zu Jesus“ beziehungsweise „zu Gott“ zu führen. Ziel ist es, ihn dazu zu bewegen, sich für Gott und für das Christentum zu entscheiden. Damit ein Mensch „sich bekehrt“, „Buße tut“ oder konvertiert – oder wie auch immer diese Begriffe genannt werden –, geht es letztlich immer um dasselbe: dass ein Mensch, der zuvor nichts mit Gott zu tun hatte, sich für Gott entscheidet und ein „Gläubiger“ wird.

Mit diesem Glauben wird dann selbstverständlich auch die „Errettung“, die „Erlösung“ oder das ewige Leben verknüpft. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass alles vom Menschen selbst abhängt, also von jedem individuell. Jeder wird im Nachhinein selbst schuld sein, wenn er nicht in den Himmel kommt. Gleichzeitig wird betont, dass alle Menschen vor Gott gleich sind, gleich geliebt werden und Gott möchte, dass jeder Mensch zur Erkenntnis der Wahrheit kommt.

Gottes Wille zur Rettung aller Menschen

1. Timotheus 2,4
„… welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“

2. Petrus 3,9
„… er will nicht, dass jemand verloren geht, sondern dass jedermann zur Umkehr findet.“

Johannes 3,16
„… damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht …“

Aus diesen Bibelstellen lässt sich klar ableiten, dass Gott jeden Menschen liebt und jeden als Geretteten sehen möchte.

Wenn Bibelstellen sich scheinbar widersprechen

Was mich jedoch über die Jahre hinweg immer häufiger stutzig gemacht hat, ist die Tatsache, dass man mit der Bibel alles belegen und ebenso alles widerlegen kann. Besonders in jungen Jahren habe ich mich oft gewundert, warum Christen sich über so viele Themen streiten.

Die Mennoniten verstehen sich nicht mit den Charismatikern. Katholiken verstehen sich beispielsweise nicht mit Protestanten – und so weiter. Hört man sich die eine Seite an, wirken die Argumente logisch und biblisch fundiert. Hört man dann die Gegenposition, erscheint auch diese plausibel und gut begründet – ebenfalls mit der Bibel.

Erst Jahre später wurde mir klar: Mit der Bibel lässt sich sowohl das eine als auch das andere begründen – je nachdem, wie man sie auslegt und welche Stellen man betont.

Zwei scheinbar gegensätzliche Perspektiven

Auch bei unserem Thema zeigt sich genau dieses Spannungsfeld.

Einerseits wird immer wieder betont – und dafür gibt es eindeutige Bibelstellen –, dass Gott alle Menschen liebt und jeden retten möchte. Unsere Gottesdienste, Predigten, Lieder und Bücher sind voll davon, dem Menschen ins Gewissen zu reden, dass Gott ihn liebt und dass er diese Liebe erwidern sollte.

Zugleich wird gelehrt: Nach dem Tod kommt das Gericht. Und wenn wir uns nicht für Gott und Jesus entschieden haben, nicht „gläubig“ geworden sind und in die Verdammnis gehen, dann ist das unsere eigene Schuld.

Andererseits gibt es jedoch ebenso Bibelstellen und Aussagen, die genau in die entgegengesetzte Richtung weisen. Wenn man zusätzlich den logischen Verstand einsetzt, ergibt sich daraus ein ganz anderes Bild.

Eine Metapher zur Veranschaulichung

Bevor ich diese Bibelstellen anführe, möchte ich eine Metapher beziehungsweise ein Beispiel geben, das verdeutlichen soll, worauf ich hinaus möchte.

Stellen wir uns vor, eine Firma benötigt zehn qualifizierte Mitarbeiter im IT-Bereich. Es gibt genau zehn offene Stellen. Um Bewerber zu gewinnen, schaltet die Firma Werbung und veröffentlicht Anzeigen. Da die Stelle sehr attraktiv ist – gutes Gehalt, angenehme Arbeitszeiten und weitere Vorteile –, bewerben sich insgesamt 250 Personen.

Diese 250 Bewerber werden zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Sie sind die „Geladenen“ beziehungsweise die „Berufenen“. Allerdings kennen sie nicht die genaue Anzahl der Bewerber. Sie wissen zwar, dass sie nicht allein sind, aber wie viele tatsächlich konkurrieren, bleibt unklar. Ebenso wissen sie nicht genau, wie viele Stellen es gibt, da dies in der Anzeige nur angedeutet wurde.

Im Verlauf der Auswahlgespräche werden die Bewerber aussortiert. Ein Teil erhält Absagen, während genau zehn Personen eine Zusage bekommen. Diese zehn sind die „Auserwählten“. Sie wurden aus der Gruppe der Berufenen ausgewählt.

Dabei wird deutlich:

Nicht jeder Berufene wird automatisch auch ein Auserwählter. Außerdem kann sich niemand selbst auswählen. Die Entscheidung kommt von außen.

„Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“

Matthäus 22,14
„Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“

Der Mensch kann sich nicht selbst auserwählen. Diese Auserwählung geschieht von außen, nämlich durch Gott. Daraus ergibt sich für mich eine wichtige Frage: Ist es dann fair, Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen? Was kann jemand dafür, wenn er nicht auserwählt wurde?

Weitere Bibelstellen zur Auserwählung

Matthäus 20,16
„So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“

Römer 9,15–18
„Denn zu Mose spricht er: ‚Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.‘
So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.
Denn die Schrift sagt zum Pharao: ‚Eben dazu habe ich dich erweckt, dass ich an dir meine Macht erweise und dass mein Name verkündigt werde auf der ganzen Erde.‘
So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will.

Hier steht es deutlich: Es liegt nicht am Menschen. Gott entscheidet, über wen er sich erbarmt und wen er verstockt. Am Beispiel des Pharaos wird sogar beschrieben, dass Gott sein Herz verhärtet hat, damit seine eigene Herrlichkeit sichtbar wird. Daraus ergibt sich der Gedanke, dass der Pharao keine andere Möglichkeit hatte.

Der Mensch und das „Ziehen“ Gottes

Johannes 6,44
„Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, dass ihn der Vater zieht, der mich gesandt hat …“

Auch hier wird deutlich: Der Vater muss den Menschen ziehen. Dieses „Ziehen“ kann als innerer Drang, als Verlangen oder als eine Form von göttlicher Wirkung verstanden werden. Ohne dieses Ziehen kann der Mensch aus sich selbst heraus nicht zu Jesus kommen.

Das wirft weitere Fragen auf: Wenn dieses Ziehen Voraussetzung ist, welchen Einfluss hat der Mensch dann überhaupt? Sind Predigten, Gebete für Angehörige oder evangelistische Bemühungen letztlich wirkungslos, wenn Gott sich nicht entscheidet, einen Menschen zu ziehen?

Vorherbestimmung und Berufung

Römer 8,28–30
„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind.
Denn die er zuvor ersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein …
Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerechtfertigt; die er aber gerechtfertigt hat, die hat er auch verherrlicht.“

In Römer 8 wird ab Vers 28 deutlich: Gott beruft Menschen, die er zuvor erwählt hat. Anders gesagt: Er wählt Menschen aus, die er auch beruft – und bestimmt sie im Voraus.

Zwischen zwei Wahrheiten

Gleichzeitig könnte ich mich ebenso auf die Bibelstellen konzentrieren, die etwas anderes betonen: dass alle Menschen gleich sind, dass alle geliebt sind, dass alle gewollt sind und dass grundsätzlich jeder die Möglichkeit zur Errettung hat.

Hier entsteht eine Spannung, die sich nicht einfach auflösen lässt.

Die Bibel und ihre Auslegung

Die Bibel ist wie ein Pferd: Man kann von links oder von rechts aufsteigen – und man kann auch nach rechts oder nach links wieder herunterfallen.

Man kann sich eine Lehre, eine Richtung oder eine bestimmte Strömung aussuchen und diese biblisch begründen. Genau das geschieht auch in der Realität. Es gibt schätzungsweise 30.000 bis 45.000 verschiedene protestantische Strömungen weltweit – darunter Calvinisten, Adventisten, Zeugen Jehovas, Baptisten, Mennoniten und viele weitere.

Alle diese Gruppen begründen ihre Ansichten mit der Bibel. Und genau das macht dieses Thema so komplex und zugleich so herausfordernd.


Mens sana in corpore sano – in einem gesunden Körper lebt ein gesunder Geist. Wie innen, so auch außen!
Eine ausgewogene Versorgung mit essenziellen Nährstoffen und Mikronährstoffen bildet die Grundlage für körperliche Gesundheit, geistige Klarheit und langfristiges Wohlbefinden.